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° Der Esel
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ER ESELE
iner der Lastträger aus Istanbul will mir nicht aus dem Sinn. Heutigentags hat man sie aus dem Stadtbild der türkischen Metropole vollständig verdrängt; den ehrgeizigen Militärs ist ihr Anblick peinlich geworden. Doch damals, vor 35 Jahren, sah man sie allerorten mitten in dem Verkehrsgewühl rund um die Galatabrücke. Ihr Rücken trug, an Lederriemen befestigt, ein Lastholz, auf das man, je nach Belieben, so viel Gewicht schichtete, daß sie selber beinahe darunter verschwanden. Als Kleidung trugen sie nur eine dunkelfarbige Jacke und eine Hose aus billigstem Stoff, ihre Füße stapften barfuß über den sommertags kochend heißen Asphalt, ihre Körper waren tief vornübergebeugt, wie erdrückt von der unerträglichen Schwere der Last, die man ihnen auftrug. Am schlimmsten aber war es, mitansehen zu müssen, wie ihre Rücken sich auch dann nicht mehr aufrichteten, wenn sie das Gepäck abgesetzt hatten. Der Druck der tagtäglichen Belastung hatte ihre Gestalt endgültig verbogen. Es hätte für sie eine unerträgliche Qual bedeutet, sich jemals wieder aus ihrer Arbeitshaltung zu erheben. Für ihre Umgebung waren sie nichts als sprechende Tiere. Sie mußten froh sein, daß man sie nicht gegen eines der kleinen Lastfahrzeuge eingetauscht hatte, welche denselben Dienst schon damals schneller und im ganzen billiger verrichteten als sie. Die Lastträger waren nicht nur peinlich, sie wurden zunehmend unrentabel. Mochte ihre Qual auch noch so groß sein, sie mußten von Mitleid sagen, wenn einer der Händler oder Transportunternehmer sie ihnen auferlegte.D
ie Sonne, die den ganzen Tag über gleißend und glühend vom Himmel geschienen hatte, warf jetzt in der Dämmerung lange Schatten in den Innenhof der Yeni-Valide-Moschee, die unmittelbar zwischen der Hauptstraße am Goldenen Horn und dem Ägyptischen Basar gelegen ist. Jetzt, da es kühler wurde, hatte der Menschenstrom eher noch zugenommen. Er floß von der großen Brücke herunter und ergoß sich in die Münder des Gassengewirrs der Altstadt. Ruhe fand sich einzig in dem mauerumgebenen Haram des Gotteshauses. Zwei Tauben gurrten und umkreisten sich werbend in einer der Fensternischen. In der Mitte des Vorhofs am Reinigungsbrunnen wuschen Männer sorgfältig ihre Füße und Ohren, ehe sie den kuppelüberwölbten, mit dunkelroten Teppichen ausgelegten Gebetsraum betraten, in dem die Strahlen der untergehenden Sonne an den Wänden spielten.N
och stand ich am Eingang, unschlüssig, ob ich die Schuhe ausziehen und das Innere betreten sollte, da sah ich ihn die Treppen zum Vorhof heraufkommen. Kraftlos hingen seine Arme vornüber, sein Schritt schien vom Überhang des gebeugten Oberkörpers wie von selbst vorangezogen zu werden, sein Blick war zu Boden gerichtet, doch ging er, offenbar wie gewohnt, direkt auf den Sadirvan zu, setzte sich an die Beckenrinne und streichelte seine staubigen Füße. Das klare Wasser rann in seine rissige braune Hand, die er in den Brunnenstrahl hielt, dann goß er das gesammelte Naß über seinen Kopf umfuhr mit kreisenden Bewegungen seine Stirn, seinen Nacken, seine Nase und stellte seitlich unter seinem Körper hinweg die Füße direkt in das Wasser. Er wagte es nicht, seine völlig verschwitzte Kleidung auszuziehen und sich ganz nackt abzuwaschen, doch es war deutlich: dieser Ort Allahs war die einzige Stelle, an der er sich von der Last des Tages ein wenig erholen konnte. Als sein Zuhause würde er wohl nur eine Bretterwohnung besitzen, eine Familie zu unterhalten war er gewiß außerstande, doch in dieser Moschee war es ihm möglich, für eine Stunde wenigstens auszuruhen, ehe er hinüberging in sein Nichts, um dort die Nacht zu verbringen. Ob er betete? Ob er fromm war? Bestimmt nicht. Wer je hätte ihn lesen und schreiben gelehrt, daß er den Koran zu rezitieren vermocht hätte? Doch war, was er tat, nicht das kreatürlichste und damit ehrlichste aller Gebete? Die wohlige Kühle des Wassers auf seiner Haut, der sanfte Schatten der Eingangsmauern, der ihn der Sonne verbarg, das Sitzendürfen am Brunnen Gottes... Er hatte sich auf seine Hände gestützt. Einen Moment lang schauten seine Augen mich an. Ich wandte mich ab. Ich wollte nicht, daß er sich von mir beobachtet fühlte, von einem Touristen.I
ch betrat die Moschee und hockte mich nieder. Vor meinen Augen tauchte ein Esel auf den ich am Nachmittag in einer der Seitenstraßen Istanbuls gesehen hatte. Man hatte ihm eine Fuhre Holz aufgeladen, so gehäuft, daß er darunter fast zusammenbrach. Er stand einfach da und hielt durch seine Anwesenheit den gesamten Verkehr auf. Die Autos hupten wie wild, er aber rührte sich nicht. Erbittert schlug sein Halter auf ihn ein, doch er war nicht von der Stelle zu bringen. Typisch eben ein Esel, dumm, störrisch und faul. Aber war er das wirklich, nur weil er, der Abkömmling afrikanischer Steppenbewohner, in diesem großstädtischen Irrsinn lärmenden Blechs nicht mehr weiter wollte noch wußte? Plötzlich fing er an zu schreien. Aus seinem Inneren drang ein Ton wie bei der Betätigung einer rostigen Wasserpumpe. Das Tier rief um Hilfe, es klagte, es flehte, es bleckte die gelblichen Zähne, die Nüstern bebten erregt. Alles mußte ihm sagen, daß es in diese Welt nicht hineingehörte, in die man es hier getrieben hatte. Es war ein Stück geschundener Kreatur, der menschlichen Willkür preisgegeben. Seine klugen Augen aber schauten nach wie vor unerschrocken, beinahe stolz drein.U
nd hatte es nicht recht damit?L
aut Lehrbuch waren es seine Vorfahren gewesen, die vor mehr als 6000 Jahren an den Ufern des Nils damit begonnen hatten, Wasserräder zu drehen und Getreidesäcke zu schleppen; sie hatten beim Bau der Pyramiden geholfen und die riesigen Steinquader der Tempel gezogen sie und natürlich ihre Brüder, die ägyptischen Fellachen. Sie hatten die Orte einer Ewigkeit errichtet, an der sie selber nie hatten teilhaben dürfen. Sie hatten die Heiligtümer gebaut, die sie selber nach ihrer Vollendung nie mehr betreten durften. Doch konnte es nicht sein, daß die Gottheit gerade ihnen, den Lastträgern und den Eseln, weit näher stand als all ihren Auftraggebern und Herren, schon ihrer Armut wegen, schon ihrer Geduld wegen, schon ihrer erschöpften Ausdauer wegen? Auf ihre Schultern und ihre Rücken hatte man‘s abgeladen, sie aber hatten sich niemals gewehrt. Sie waren niemals wirklich böse gewesen. Trotz all ihres Leids hatten sie niemals jemandem Leid zugefügt. Sie hatten‘s getragen ihr Leben lang, ohne jegliche Aussicht auf eine Erlösung. Die Esel und die Fellachen, überall auf der Welt, diese letzten unter den Kreaturen - sie ganz gewiß werden die ersten sein, die Allah in das Heiligtum seiner Ewigkeit aufnimmt.Eugen Drewermann, Von Tieren und Menschen, patmos paper back
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